Mit der Hoffnung im Gepäck nach Jerusalem

veröffentlicht 01.10.2026 von Lothar Püschel, Evangelisches Dekanat Ingelheim-Oppenheim

Dekan Olliver Zobel zieht um nach Jerusalem

Mit der Hoffnung im Gepäck nach Jerusalem

Sieben Jahre an der Spitze des Evangelischen Dekanats Ingelheim-Oppenheim – Olliver Zobel blickt zurück auf das, was ihn getragen hat.

Die ersten Umzugskisten stehen schon im Home-Office des Frei-Weinheimer Pfarrhauses. Noch ist Olliver Zobel Dekan, noch bestimmen Termine, Gespräche und Entscheidungen seinen Alltag. Doch der Abschied ist sichtbar. Mitte November wird er Deutschland für mindestens sechs Jahre verlassen und sein neues Amt als evangelischer Propst zu Jerusalem antreten. Der Haushalt wird aufgelöst, manches eingelagert, anderes zugunsten eines guten Zwecks verkauft.

„Die Hoffnung ist mir von Gott zugesprochen“

Die Stimmung ist trotzdem gelöst. Zobel erzählt, lacht, denkt nach. Und wenn es einen Begriff gibt, unter den der 57-jährige Theologe selbst seinen Rückblick auf sieben Jahre als Dekan stellen möchte, dann ist es: die Hoffnung.

Nicht im Sinne eines unbekümmerten „Es wird schon gutgehen“. Seine Hoffnung reicht tiefer. „Hoffnung ist nicht etwas, was aus positiven Erfahrungen erwächst“, sagt er. Sie sei etwas, das Gott uns zuspricht. Für ihn sei die Hoffnung deshalb eher ein Bekenntnis als das Ergebnis eines gelungenen Lebens. Selbst wenn Dinge schwer sind oder gar scheiterten, könne Hoffnung bleiben.

Eine Kirche im Umbruch

Als Zobel 2019 Dekan wurde, waren die früheren Dekanate Ingelheim und Oppenheim gerade fusioniert. Dann kamen Corona und ekhn2030. Vieles von dem, was der Theologe sich inhaltlich vorgenommen hatte, trat dadurch in den Hintergrund. Statt stärker pastoral arbeiten zu können, sei er dann häufig vor allem mit Organisation und strukturellen Fragen beschäftigt gewesen. Das bedauert er bis heute.

Den Reformprozess redet Zobel nicht schön. Doch er gehört zu denen, die grundsätzlich die Chancen größerer Zusammenarbeit sehen in Form von Verkündigungsteams, gemeinsamen Gemeindebüros und Nachbarschaftsräumen. Aber er weiß ebenso, dass vieles nicht organisch gewachsen ist, sondern entschieden werden musste. Entscheiden gehört für ihn zum Leiten. Eine Kirche mit weniger Geld, weniger Personal und weniger Ehrenamtlichen könne nicht immer sagen: Dann machen wir eben beides. Man müsse im wahrsten Sinne des Wortes ent-scheiden: Manches beenden, anderes neu beginnen. Dankbar sei er, dass die wesentlichen Vorgaben von ekhn2030 im Dekanat bis zu seinem Abschied umgesetzt sind. Besonders wichtig ist ihm die Gemeindeübergreifende Trägerschaft der evangelischen Kindertagesstätten. Auch in Öffentlichkeitsarbeit, Jugendarbeit, Fundraising und Digitalisierung seien Grundlagen entstanden, auf denen andere weiterarbeiten können.

„Empowerment“ als wichtiges Element theologischer Arbeit

Noch wichtiger ist ihm das Team. „Menschlich sind wir im Dekanat gut zusammengewachsen“, sagt Zobel. Dass inzwischen vieles ohne ihn funktioniert, erlebt er als Erfolg. „Mir geht es immer darum, mich letztlich überflüssig zu machen.“ Theologische Arbeit habe für ihn auch mit „Empowerment“ zu tun: Menschen befähigen, Verantwortung zu übernehmen und Strukturen schaffen, die nicht an einer einzelnen Person hängen.

Trotz aller Strukturarbeit bleibt Zobel immer noch Pfarrer. Dass das in seinem Amt manchmal zu wenig sichtbar geworden sei, bedauert er. „Ich habe zu wenig Gottesdienst gefeiert.“ Zu oft habe die Zeit gefehlt, zu häufig sei er derjenige gewesen, der Sitzungen strukturierte und Veränderungen vermitteln musste.

Für ihn bleibt klar: Eine Kirchenreform, die nur Verwaltung verändert, greift zu kurz. Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie verwalten wir Kirche möglichst effizient? Sondern: Warum braucht es Kirche überhaupt? Zobels Antwort: um Hoffnung zu geben, Gemeinschaft zu ermöglichen und diejenigen im Blick zu behalten, die leicht übersehen werden.

„Ich bin durch und durch ein Emmaus-Mensch“

Dazu passt, dass Zobel sich selbst als „Emmaus-Mensch durch und durch“ bezeichnet. Die Geschichte von den beiden enttäuschten Jüngern, die unterwegs Christus begegnen und ihn zunächst nicht erkennen, enthält für ihn vieles von dem, was Glauben ausmacht: gemeinsam unterwegs sein, Schweres aussprechen, zuhören, Brot teilen – und manches erst im Rückblick verstehen.

Hoffnung bedeutet für ihn dabei nicht, Zweifel und Wut auszublenden. Wenn er erschöpft oder verzweifelt sei, helfe ihm, dass er einen Gott habe, dem er „alles um die Ohren schlagen“ könne. In schwierigen Situationen sei er auch ans Frei-Weinheimer Rheinufer gegangen und habe dort manchen Schrei in Richtung Himmel geschickt.

Getragen habe ihn auch seine Familie. Ohne seine Frau und seine Familie, sagt Zobel, hätte er das Dekaneamt so nicht ausfüllen können. Sport, Nordseeurlaube und gemeinsame Reisen halfen dabei, neben der Arbeit immer wieder andere Horizonte zu öffnen.

Der Hoffnungsvolle reist mit

Nun führt der gemeinsame Weg nach Jerusalem. Dorthin nimmt Zobel auch eine Frage mit, die ihn im Dekanat beschäftigt hat: „Warum gibt es uns?“ Warum braucht es in Jerusalem eine deutschsprachige evangelische Gemeinde? Welche Aufgabe hat sie dort? Was kann sie für Menschen bedeuten?

Einige Erinnerungsstücke aus Rheinhessen ziehen mit. Darunter „der Blaue“, eine Figur der Künstlerin Lies Ebinger, die Zobel schon seit der Binger Landesgartenschau 2008 begleitet. Damals war sie für ihn der sehnsuchtsvoll nach vorn Blickende, heute nennt er sie den Hoffungsvollen. Eine Figur mit goldenem Herzen, die in die Ferne schaut. Sehnsucht und Hoffnung, sagt Zobel, liegen für ihn dicht beieinander.

Was sich nicht einpacken lässt …

„Wenn ich könnte, würde ich gerne das halbe Dekanat mitnehmen“, sagt er und lacht. Sieben Jahre lang haben Menschen gemeinsam beraten, gestritten, entschieden und Strukturen aufgebaut. Nun wird Zobel nicht mehr selbst erleben, wie sich alles weiterentwickelt.

Festhalten will er daran nicht. Er habe seinen Teil tun dürfen. Nun müsse er die Dinge aus der Hand legen. Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin dürfe manches ganz anders machen – hoffentlich aus guten Gründen.

Was soll also bleiben? Zobels Antwort kommt schnell: die Hoffnung. Die Hoffnung, dass Kirche trotz kleiner werdender Ressourcen und notwendiger Veränderungen ihren Weg findet. Dass Menschen weiterhin zusammenkommen, Beziehungen knüpfen, Gottesdienst feiern und sich gegenseitig tragen.

„Mir ist nicht bange um dieses Dekanat“, sagt Zobel. „Wir haben gute Strukturen und gute Ideen.“ Und dann fügt er den Satz hinzu, der die Basis seines Handelns beschreibt: „Ich habe Hoffnung in Gott. Sie ist mir durch die Taufe zugesprochen.“

Die Umzugskisten werden in den kommenden Wochen mehr werden. Hoffnung allerdings lässt sich weder einpacken noch zurücklassen. Sie geht mit – und sie bleibt.